Digitale Kultur

Liberating Structures: Befreiende Strukturen und Räucherstäbchen am Arbeitsplatz?

Liberating Structures klingt irgendwie nach etwas Esoterischem, im Deutschen wird das sogar noch deutlicher: Befreiende Strukturen. Was soll das überhaupt sein? Ungefähr so war meine erste Reaktion als ich mit dem agile Methodenkatalog das erste Mal zu tun hatte. Vor gut drei Monaten entschloss ich, mich vom Full Stack Entwickler in Richtung Scrum Master, Business Analyst und Agile Change Coach weiterzubilden. Da kam unsere Restrukturierung bei esentri genau richtig und ich hatte die Möglichkeit im neuen Geschäftskreis Digitale Kultur durchzustarten. Aber genug von mir, jetzt mehr zu den Befreienden Strukturen.

“Liberating Structures führen kleine Veränderungen in die Art und Weise ein, wie wir uns besprechen, planen, entscheiden und zueinander in Verbindung stehen. Die innovative Kraft, die einst nur den Experten vorbehalten war, wird nun in die Hände Aller gelegt.”

[Holisticon AG unter /www.liberatingstructures.de]

Struktur, die befreit

Unter Liberating Structures versteht man einen Baukasten aus 35 leicht umsetzbaren Methoden, die eine produktive Zusammenarbeit erleichtern. Keith McCandless und Henri Lipmanowicz sind die Schöpfer der Liberating Structures. Das Tolle dabei: Alle Methoden sind frei zugänglich und können hier nachgelesen werden. Inzwischen weiß ich, dass damit weder Räucherstäbchen am Arbeitsplatz noch irgendwelche esoterischen Praktiken gemeint sind.  Durch die Struktur und Vorgehensweise werden nämlich Regeln eingeführt, die alle Teilnehmer mitnehmen und auf Augenhöhe arbeiten lassen. Nicht nur deswegen sind sie für Führungskräfte, Coaches und alle, die nicht allein in einem dunklen Keller arbeiten eine gelungene Erweiterung der persönlichen Arbeitsmethodik. Meine Erfahrungen mit Liberating Structures sind durchweg positiv und es überrascht mich immer wieder, wie schnell umfangreiche Ergebnisse dabei erzielt werden können.

“Die konventionellen Strukturen, in denen Menschen tagtäglich zusammenarbeiten, unterdrücken unabsichtlich die Einbeziehung und das Engagement der Beteiligten.”

[Holisticon AG unter /www.liberatingstructures.de]

Mit einem Beispiel möchte ich das Ganze etwas greifbarer machen. Ein guter Einstiegspunkt für Liberating Structures ist die 1-2-4-all Methode. Auf einem Open Space Meetup durfte ich zum ersten mal diese Methode unter realen Bedingungen anwenden. Aufgebaut sind alle Methoden gleich. Die fünf Bausteine bestehen aus:

1.) Wie gestalte ich die Einladung?

  • Zu Beginn formulierst du eine Frage, die das zu lösende Problem umschreibt, alternativ kannst du auch einen Vorschlag oder ein Thema zur Diskussion stellen. Bei uns ging es um das treffende Thema: Meet Up, don’t Mess Up. Ziel war es Fehler in der heutigen Meetingkultur aufzudecken und diese zu verbessern. Die Fragen, die wir stellten, lesen sich wie folgt: Was macht Meetings ineffizient? Welche Formalien sollten eingehalten werden? Was stört euch an Meetings am meisten? Wie könnte man Meetings effizienter gestalten?

2.) Welche Materialien benötige ich?

  • Genügend Raum, damit die Teilnehmer in Paaren und zu viert arbeiten können.
  • Stifte und Papier für die Teilnehmer, um Beobachtungen und Erkenntnisse festhalten zu können.

3.) Wie binde ich die Teilnehmer geschickt ein?

  • Jeder in der Gruppe wird eingebunden. Der Moderator meist nicht, er kann den wichtigen Part des Timeboxing übernehmen.
  • Jeder hat die gleichen Möglichkeiten, sich einzubringen.
  • Die Struktur hilft dabei, Ängste und Zurückhaltung zu überwinden.
  • In unserem Fall war es schön zu sehen, wie die Unsicherheit bei den sich fremden Meeting Teilnehmern schnell in konstruktive Ideenfindung umschlägt.

4.) In welcher Konstellation setze ich die Gruppen zusammen?

  • Zu Beginn jeder für sich, dann in Paaren, dann zu viert, schließlich die ganze Gruppe.
  • Dabei sollte man möglichst spontan und flexibel sein. Es finden sich immer Möglichkeiten, die Structures anzupassen, ohne den Sinn des Ablaufs zu verändern. Beispielsweise können Dreiergruppen gebildet werden.
  • Beim Meetup wurde innerhalb des Zeitfensters intensiv über weitere Lösungsvorschläge nachgedacht. Die Hürde vor einer großen Gruppe seine eigene Meinung zu äußern, wird durch den Ablauf der Structure einfach aufgelöst.

5.) Wie lege ich den Ablauf und die Dauer fest?

  • Jeder macht sich alleine Gedanken zur gewählten Problemstellung, die als Frage verpackt wurde. Dazu nimmt sich jeder circa eine Minute Zeit.
  • Dann werden diese Ideen zu zweit weiterentwickelt. Dafür werden ungefähr zwei Minuten in Anspruch genommen.
  • Ideen aus den Paaren werden in Vierergruppen verfeinert. Dabei werden Gemeinsamkeiten zusammengeführt und Unterschiede herausgestellt. Das Ganze sollte nicht länger als vier Minuten dauern.
  • Anschließend stellt man die Frage “Welche Idee fand eure Gruppe besonders bemerkenswert?” Jede Gruppe stellt eine wichtige Idee vor. Dieser Schritt kann bei Bedarf wiederholt werden und dauert in etwa fünf weitere Minuten.

“Führungspersönlichkeiten wissen, dass sich die Produktivität und Innovationen in hohem Maße steigern ließe, wenn man nur jeden voll beteiligen könnte. Die Frage ist allerdings: Wie? Liberating Structures sind neue, praktikable und geradlinige Methoden, dieses Ziel mit Gruppen jeglicher Größe zu erreichen.”

[Holisticon AG unter /www.liberatingstructures.de]

Liberating Structures und Scrum

Indem jeder Einzelne einen Beitrag einbringt und im Anschluss die gesamte Gruppe das Thema aufbereitet, werden hohe Synergieeffekte erzielt. Das Wissen der Einzelnen und die Schwarmintelligenz werden aktiv ausgenutzt. Zudem werden durch die vorgegebene Struktur Barrieren aufgelöst. Berühmtes Beispiel hierfür ist die unvoreingenommene Kommunikation zwischen Putzkraft und C-Level, die bei den Liberating Structures tatsächlich funktioniert. Also schaut vor dem nächsten Meeting mal auf der Seite vorbei und wählt eine der vielfältigen Methoden aus.

Um Liberating Structures auch im weitläufigen Kontext von agiler Arbeitsweise, New Work und Scrum zu sehen ist gar nicht viel Aufwand nötig. Ich habe mir erlaubt die Grundelemente von Liberating Structures und Scrum miteinander zu vergleichen:

Vergleich der Prinzipien und Werte

Dabei ist mir aufgefallen, dass gleich vier der Grundwerte nahezu identisch im Wortlaut der Manifeste auftauchen. Selbstentdeckung und Selbstverpflichtung, Respekt zwischen Menschen, Freiheit und Offenheit sowie Glaube und Mut. Dies bestätigt eine meiner Grundannahmen der agilen Transformation. Ohne die Werte und Kultur ernst zu nehmen und verinnerlicht zu haben, hilft auch kein Methodenkatalog; noch nicht einmal die Liberating Structures.

Auf zu neuen Perspektiven

Mehr zu meinen Erfahrungen über Liberating Structures, Lösungen, Hindernissen und Stories, bei denen wir diese erfolgreich eingesetzt haben folgen in Teil zwei,
seid gespannt und bleibt agil
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Esentri
Kevin Steinhagen Agile Change Coach