Digitale Kultur

Das Agile Manifest – Die Gebote der Informatik

Markus Lohn
Markus Lohn

Als Moses vom Berg Sinai hinabstieg hatte er eine Reihe von Geboten und Verboten von Gott in Empfang genommen und in zehn Geboten formuliert. Sie haben im Judentum und Christentum eine zentralen Bedeutung in der theologischen Ethik und haben die Kirchen- und Kulturgeschichte Europas und des außereuropäischen Westens mit geprägt. Obwohl diese Richtlinien schon viele hundert Jahre alt sind, haben sie an Aktualität nichts verloren.

Eine öffentliche Erklärung für bessere Software

Mit dem Agilen Manifest existiert in der Informatik ebenfalls ein Rahmenwerk, das Leitsätze und Prinzipien definiert, die Orientierung in der täglichen Arbeit geben. Für mich erfüllt das Manifest damit den gleichen Zweck wie die zehn Gebote. Auch sie dienen als Orientierung und Wertesystem, um das Miteinander in der Gesellschaft zu regeln. Ansonsten würde es aller Voraussicht nach “drunter und drüber gehen”. Auch das Agile Manifest ist nicht neu, aber in Zeiten der Digitalisierung aktueller denn je.

Ende des letzten Jahrtausends steckte die Softwarebranche in einem Dilemma. In vielen Projekten wurde zu viel Zeit und Geld investiert, um die beauftrage Software fertigzustellen. Oft wurde auch noch aus Sicht des Kunden das Falsche geliefert. Es stellt sich die Frage wie mit stetigen Änderungen der Anforderungen umgehen und dabei Zeit- und Qualitätsvorgaben besser einhalten? Eine Gruppe von bekannten Informatikern, z. B. Kent Beck oder Martin Fowler, gründeten daher eine Initiative mit dem Ziel die Softwareentwicklung zu verbessern. Das Ergebnis der Initiative war das Agile Manifest, das aus vier Leitsätzen und 12 Prinzipien besteht.

Die vier Leitsätze

  • Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge
  • Funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation
  • Zusammenarbeit mit dem Kunden mehr als Vertragsverhandlung
  • Reagieren auf Veränderung mehr als das Befolgen eines Plans

Leider werden diese Leitsätze häufig misinterpretiert. Bei der Auslegung von religiösen Schriften besteht ein ähnliches Problem. Ein Paradebeispiel betrifft das Thema Dokumentation, da in der Entwicklung unbeliebt. Entwickler argumentieren gerne: “Wir arbeiten nun agil und deshalb müssen wir keine Dokumentation schreiben.” Das ist aus meiner Sicht eine falsche Interpretation der Leitsätze. Vielmehr bestehen die Leitsätze immer aus zwei Werten, wobei immer der linke Wert (erstgenannt) höher priorisiert oder eingeschätzt wird als der rechte Wert (zweitgenannt).

Ein Beispiel

Funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation

linker Wert: funktionierende Software
rechter Wert: umfassende Dokumentation

Orientiert man sich an diesem Leitsatz wäre die Bereitstellung funktionierender Software mit höherer Priorität anzugehen. Jedoch bedeutet das keineswegs eine Auslieferung ohne Dokumentation! Vielmehr sollte die Dokumentation in ihrer Art und ihrem Umfang dem Zweck angemessen sein.

Die 12 Prinzipien

Basierend auf den Leitsätzen haben die Autoren des Agilen Manifests 12 Prinzipien definiert, die diese Wertehaltung nochmals ausdrücken. Sie dienen als Orientierung und sollten regelmäßig ins Gedächtnis gerufen werden.

  1. Unsere höchste Priorität ist es, den Kunden durch frühe und kontinuierliche Auslieferung wertvoller Software zufrieden zu stellen.
  2. Heisse Anforderungsänderungen selbst spät in der Entwicklung willkommen. Agile Prozesse nutzen Veränderungen zum Wettbewerbsvorteil des Kunden.
  3. Liefere funktionierende Software regelmäßig innerhalb weniger Wochen oder Monate und bevorzuge dabei die kürzere Zeitspanne.
  4. Fachexperten und Entwickler müssen während des Projektes täglich zusammenarbeiten.
  5. Errichte Projekte rund um motivierte Individuen. Gib ihnen das Umfeld und die Unterstützung, die sie benötigen und vertraue darauf, dass sie die Aufgabe erledigen.
  6. Die effizienteste und effektivste Methode, Informationen an und innerhalb eines Entwicklungsteams zu übermitteln, st im Gespräch von Angesicht zu Angesicht.
  7. Funktionierende Software ist das wichtigste Fortschrittsmaß.
  8. Agile Prozesse fördern nachhaltige Entwicklung. Die Auftraggeber, Entwickler und Benutzer sollten ein gleichmäßiges Tempo auf unbegrenzte Zeit halten können.
  9. Ständiges Augenmerk auf technische Exzellenz und gutes Design fördert Agilität.
  10. Einfachheit – die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren – ist essenziell.
  11. Die besten Architekturen, Anforderungen und Entwürfe entstehen durch selbstorganisierte Teams.
  12. In regelmäßigen Abständen reflektiert das Team, wie es effektiver werden kann und passt sein Verhalten entsprechend an.

Um den aktuellen Herausforderungen gerecht zu werden sind neue Denkweisen erforderlich. Klassische Strukturen sind ungeeignet um die komplexen Fragestellungen adequat zu lösen. Vielmehr sind Eigeninitiative und Verantwortungsbewußtsein jedes Einzelnen gefragt, um brauchbare Ergebnisse in hervorragender Qualität zu entwicklen. Das Agile Manifest schafft hierbei einen Rahmen, gibt Orientierung und unterstützt bei der richtigen Entscheidung.

Ein Beispiel der Anwendung ist sicherlich jeden Tag zu versuchen exzellente Arbeit für den Kunden zu leisten und den Kollegen mit Rat und Tat sowie dem erforderlichen Respekt zur Seite zu stehen.

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