Innovation

Blockchain – Smells like Teen Spirit

Ingo Sobik
Ingo Sobik

Denkt man an die erste Hälfte der 90er Jahre und fragt sich, wie das denn damals mit dem Internet war, dann hat man in etwa die Antwort, welchen Status die Blockchain-Technologie heute hat. Vor 25 Jahren konnten die meisten nichts mit dem Internet anfangen, sogar Bill Gates hielt es für einen Hype, und wirklich niemand konnte sich ausmalen, was ein Vierteljahrhundert später alles im und durch das Internet möglich ist. Die Blockchain ist genauso wie das Internet vor allem eine Basistechnologie, der Grundstein für unzählige und noch undenkbare Anwendungen. Der große Unterschied zwischen damals und heute liegt aber darin, dass niemand, also weder Individuen noch die Gesellschaft und schon gar nicht die Unternehmen die Anfänge dieser Technologie verschlafen wollen.

In diesem Kontext sollte man nochmal verdeutlichen, dass Blockchain nicht mit Kryptowährung gleichzusetzen ist. Während sich das mediale Interesse und somit die Augen und Ohren der Öffentlichkeit vornehmlich auf neue Kryptowährungen oder irgendwelche Hacker-Aktionen im Kontext von Bitcoin und Co fokussieren, läuft die eigentlich revolutionäre Blockchain-Technologie Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten. Dabei verdient sie viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit, weshalb wir hier klarstellen wollen, was eine Blockchain ausmacht:

Der größte Vorteil der Blockchain-Technologie besteht darin, dass sie nicht auf die Koordination einer irgendwie gearteten vertrauenswürdigen dritten Partei angewiesen ist!

Im Internet hat man kein konkretes, greifbares, bekanntes Gegenüber, jede Transaktion ist im Prinzip ein Geschäft unter Fremden beziehungsweise Anonymen, die sich deshalb gegenseitig gar nicht vertrauen können. Darum benötigt man zur Durchführung von Transaktionen jeglicher Art im Internet eine dritte Partei, der wir unser Vertrauen aussprechen beziehungsweise der wir formell zustimmen, ihr zu vertrauen. Ob beim Kaufen, Verkaufen, Überweisen, Verschicken oder Streamen, es gibt immer eine Plattform (oder mehrere) die als Vermittler agiert und in deren Rechenzentren Unmengen an Daten über jeden Einzelnen gesammelt, gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Diesem Plattformsystem setzt die Blockchain eine dezentralisierte Infrastruktur entgegen. Der zentrale Vermittler wird überflüssig, weil die Transaktionen peer-to-peer, also zwischen den Teilnehmern selbst, durchgeführt werden und zwar in einem dezentralen Netzwerk.

Blockchain – was geht?

Neben der Basis für Kryptowährungen bietet die Blockchain-Technologie weiteres, enormes Potenzial, das Unternehmen bereits zu bergen versuchen. Es werden Konsortien gebildet und Partnerschaften geschlossen, um gemeinsam bestimmte Anwendungsgebiete zu erforschen oder konkrete Lösungen für einzelne Branchen zu finden. Da mit dem Bitcoin die erste Nutzung mit einer Währung zu tun hatte, war es auch die Finanzindustrie, die sich als erste damit auseinandersetzte. Mittlerweile sind weitere Wirtschaftszweige dazugekommen, die das Prinzip der Blockchain verinnerlichen und für sich nutzbar machen wollen. So ist es für alle logistischen Bereiche sehr verlockend, mithilfe einer Blockchain die Transparenz von Lieferketten zu erhöhen und die Nachverfolgung zu beschleunigen. Dies führt nicht nur per se zu einer Effizienzsteigerung und Kostenreduzierung, sondern auch zu einer beträchtlichen Zeiteinsparung. Die Kombination aus größerer Transparenz, verstärkter Integration und Automatisierung führt zwangsläufig zu effizienteren, günstigeren und schnelleren Prozessen. Denn während die einzelnen Transportmittel, wie Container und Paletten standardisiert und genormt sind, so sind die einzelnen Schnittstellen beziehungsweise Übergabestationen technisch sehr verschieden und hemmen einen flüssigen Güterverkehr. Eigentlich ist es auch irgendwie naheliegend, dass Blockchain und Lieferkette gemeinsame Schnittmengen haben, die vielversprechende Einsatzmöglichkeiten bieten.

Der Aspekt der Dezentralisierung lässt sich in zwei Richtungen denken: einerseits stellt sich die Frage, wo man generell auf die dritte Partei, den Vermittler, verzichten kann und andererseits, welche Bereiche (der Gesellschaft, Industrie, Politik) werden immer dezentraler und wandeln sich somit von einer starren zentralen Struktur in eine eher kleinteilige und dezentrale. Die letztere Entwicklung durchläuft seit einigen Jahren bereits die Stromindustrie. Wurde die Energie früher ausschließlich zentral von Kraftwerken eingespeist, so kann heutzutage jedes Privathaus selbst Strom erzeugen. Wenn sich nun Nachbarn zusammenschließen, um sich untereinander mit Strom zu versorgen und damit zu handeln, dann wird dies durch die Smart Contracts einer Blockchain ermöglicht und es ist kein Netzbetreiber nötig, der das Ganze koordiniert und abrechnet (und wohlgemerkt dann auch nicht berechnet).

Kontrolle über die eigenen Daten

Das dezentralisierte Netzwerk einer Blockchain verbindet die Teilnehmer untereinander. Jeder Teilnehmer besitzt eine Art Kontobuch, in dem alle Transaktionen zwischen den Teilnehmern aufgeführt sind. Diese werden blockweise gespeichert und aneinandergereiht, wodurch jede Transaktion einen eindeutigen Zeitstempel bekommt. Die Unveränderbarkeit der Transaktionen wird dabei durch wirkungsvolle kryptographische Verfahren und dezentral gespeicherte Kopien sichergestellt. Dadurch können alle Teilnehmer neue Transaktionen überprüfen beziehungsweise verifizieren, was einen Missbrauch verhindert.

Die Blockchain macht es überflüssig, persönliche Daten einer dritten Partei beziehungsweise einer intermediären Stelle anzuvertrauen, wo sie durchsickern oder missbraucht werden könnten. Stattdessen sollten Individuen die Kontrolle über ihre eigenen Daten behalten, ohne Abstriche zu machen hinsichtlich Sicherheit und Datenschutz oder auf personalisierte Dienste verzichten zu müssen, die von Unternehmen oder Behörden angeboten werden.

Zwar ist es noch Zukunftsmusik, aber durch die Blockchain in Kombination mit dem Internet der Dinge werden Unternehmen ebenso ganz neue Dimensionen ihrer Prozesse erschließen. Bereits jetzt, im Zuge der digitalen Transformation, werden bestimmte Prozesse und Geschäftsmodelle komplett neu gedacht. Die höhere Transparenz und Nachvollziehbarkeit sowie die über alle Teilnehmer verteilte Datenkontrolle sind beispielsweise in der Logistik und im Supply Chain Management handfeste Vorteile, die in einer optimierten Wertschöpfungskette resultieren. 

Blockchain – und nun?

Dezentralität, Unveränderbarkeit und Transparenz zeichnen eine Blockchain aus, woraus sich eine Neustrukturierung von Vertrauensankern ergibt. Geschäftsstrukturen werden über Unternehmensgrenzen hinaus verändert, indem es neue Formen der Softwareintegration geben wird. Mehrere Akteure, die vorher alle eigene IT-Systeme hatten und über Schnittstellen miteinander kommunizierten werden durch eine weitere Komponente – die Blockchain – erweitert, sie wird die Art der Schnittstellen verändern oder diese sogar zu großen Teilen ersetzen. Dies zeigen schon solche Trends wie Microservices, die dem wachsenden Verlangen nach Flexibilität und Dynamik in der Datenverarbeitung gerecht werden wollen. Bemerkenswert ist auch die Geschwindigkeit, mit der die Blockchain-Technologie voranschreitet, nicht vergleichbar mit den letzten größeren Innovationen wie der Cloud oder Big Data. Unabhängig vom aktuellen Hype um die Volatilität von Kryptowährungen bleiben Blockchains und Smart Contracts mächtige Werkzeuge, die vor allem in ihrer Wirkung als Helfer und Treiber des technologischen Fortschritts bleibenden Eindruck hinterlassen.

Wenige können sich konkret an das Internet Anfang der 90er erinnern und wissen auch noch, was Grunge ist. Die Blockchain-Technologie kommt langsam ins Teenageralter und es lässt sich noch nicht abschätzen, wie sehr dieser Heranwachsende später mal die Welt verändern wird. Das Potenzial dazu hat er, aber bis dahin ist er vor allem cool, energiegeladen und riecht sehr nach Teen Spirit.

Unsere Services im Bereich Innovation

Mehr erfahren
Esentri
Jan Schmid Director of Digital Business