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Achtsam und mit Herz durch die Krise

Es gibt eine schöne Parabel von Milarepa, einem großen Heiligen aus Tibet. Er sagte einst:„Wenn du deinen Gedanken nach läufst, bist du wie ein Hund, der einem Stock nachjagt. Jedes Mal, wenn ein Stock geworfen wird, rennst du ihm nach. Sei stattdessen wie ein Löwe, der sich dem Werfer zuwendet, statt dem Stock nachzujagen. Man wirft nur einmal einen Stock auf einen Löwen.“

Hund oder Löwe?

So simpel die Geschichte klingt, in der aktuellen Situation erscheint sie mir bedeutsamer als je zuvor. Die globale Krise, sie betrifft uns alle. Sie zwingt viele von uns plötzlich weniger zu tun, langsamer zu machen. Sie zwingt uns allerdings nicht zwangsläufig, die Zeit besonnen zu nutzen, in uns zu gehen, zu reflektieren und uns weiterzuentwickeln. In dieser Hinsicht stehen wir vor der Entscheidung: Wollen wir den Weg des Hundes gehen, folgen wir blind der Angst, Unruhe und Ignoranz oder schauen wir der Krise mutig wie der Löwe ins Gesicht und entdecken dabei vielleicht etwas ganz Neues?

Die innere Haltung entscheidet

Einen „Prozess“, um sich diese beiden Wahlmöglichkeit, auch als Organisation bewusst zu machen und für Gruppen zu gestalten, bietet die Theorie U. Das am MIT von Otto Scharmer entwickelte Framework für Veränderung und Innovation entpuppte sich für mich persönlich als die lang vermisste Brücke zwischen den Erkenntnissen aus den alten Weisheitstraditionen und der modernen Arbeitswelt.

Im Kern der Theorie U steht folgende Annahme: die Qualität von Ergebnissen, die eine Gruppe erzielt, hängt von dem Bewusstsein ab, auf dessen Basis die Menschen handeln. Dazu müssen die Menschen auch in der Lage sein, sich selbst als Ganzes zu sehen.

Nehmen wir das Beispiel Kommunikation. Weithin ist damit gemeint, dass Menschen miteinander sprechen und sich austauschen. Die Theorie U hebt die Kommunikation allerdings noch auf ein weiteres Level. Sie meint mit Kommunikation die Fähigkeit zu haben, sich im Gespräch mit anderen auch selbst wahrzunehmen zu können, seine eigenen Sprach- und Denkmuster zu erkennen und die eigenen Annahmen aufmerksam zu beobachten.

10 Tipps wie Achtsamkeit in Unternehmen praktiziert werden kann

Stellt sich nun die Frage, wie ich dieses Wissen in meinem Unternehmen anwenden und für mehr Bewusstsein sorgen kann? So sehr diese Art von Achtsamkeit auf den Fähigkeiten einzelnen Personen basiert, so gibt es doch einige Bedingungen und Landeplätze, die Organisationen und Teams dafür schaffen können. Die Theorie U bietet beschreibt dafür drei Grundbewegungen: beobachten, sich verbinden und das Neue entstehen lassen. Anhand dieser Bewegungen lassen sich verschiedene „Maßnahmen“ und Möglichkeiten ableiten.

1. Beobachtet und seid achtsam was euch aus euren Umfeldern entgegenkommt (Kollegen, Kunden, Dienstleister aber auch Familie und Freunde).
2. Praktiziert aktiv Deep Listening. Hört eurem Umfeld zu und tretet in einen echten (!) Dialog.
3. Ko-initiiert: Kreiert gemeinsame Intentionen, inspiriert andere und haltet diese Atmosphäre aufrecht.
4. Geht auf Entdeckungsreise außerhalb eurer gewohnten Umgebung. Was ist gut? Was ist hilfreich? Was wird gebraucht? Wo können wir kooperieren?
6. Ermöglicht Momente der Stille, z.B. durch Meditation und macht euch eure innere Haltung bewusst: sind wir im Kopf und Herzen offen oder eher verschlossen?
5. Selbstreflektion: Lasst von Annahmen und Überzeugungen los, die eurer Entwicklung nicht mehr dienlich sind und seid neugierig auf das, was kommt.

Die 3 Bewegungen im U-Prozess (Essentials der Theorie U, C. Otto Scharmer)

7. Verbindet euch mit der nahenden Zukunft: Wer und was möchten wir als Organisation, als Team sein? Wofür möchten wir stehen? Dafür bieten sich z.B. Deep Dive Journaling und geführte Zukunftsreisen an.
8. Gestaltet und bietet Reflexionsräume, z.B. über Retros, Austauschgruppen und entsprechende Plattformen
9. Baut einen Prototyp 0.8. Hier geht es nicht um den großen Masterplan. Generiert schnelles Feedback, zieht Erkenntnisse und Learnings daraus, entwickelt die Idee weiter.
10. Dranbleiben! Das Schwierigste ist immer, das Ungewisse auszuhalten. Im Sinne der Theorie U heißt das, einen Raum zu schaffen und ihn zu schützen, damit sich etwas Neues (Produkt, Methoden, Prinzipien) überhaupt entfalten und entstehen kann.

Von der entstehenden Zukunft her lernen und handeln

Grundsätzlich gibt es zwei Arten zu Lernen. Wir Lernen, in dem wir über die Vergangenheit nachdenken oder wir Lernen, indem wir entstehende Zukunftsmöglichkeiten aufspüren und sie in die Welt bringen. Vor der Krise habe ich intuitiv das Lernen von der Zukunft her bevorzugt aber dennoch beide Wege für valide Optionen gehalten. Das war einmal. Wir stehen global vor systemverändernden Herausforderungen, die von uns einen neuen Umgang verlangen.

Innehalten, Altes loslassen, reinspüren, Veränderung bewusst gestalten. Das sind Begriffe, die wir sonst vielleicht nur aus Achtsamkeitstrainings kennen. Sie sind nun in der praktischen Realität angekommen und entscheiden über unser Handeln – wahlweise als Hund oder als Löwe.